Die Kremation in Deutschland: Ein würdevoller Prozess im Zeichen des Wandels
Die Entscheidung für eine Feuerbestattung ist in Deutschland längst zur Normalität geworden. Mehr als 70% aller Verstorbenen werden hierzulande kremiert – ein Prozess, der von Respekt, technischer Präzision und klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen geprägt ist. Dieser Artikel beleuchtet sachlich, einfühlsam und detailliert, was eine Kremation in Deutschland tatsächlich bedeutet.
Ein historischer und kultureller Wandel
Noch im 19. Jahrhundert war die Feuerbestattung in Deutschland unüblich und kirchlich wie gesellschaftlich oft abgelehnt. Der Wandel begann mit der Einrichtung der ersten Krematorien im ausgehenden 19. Jahrhundert, oft initiiert von freireligiösen oder aufklärerischen Gemeinden. Heute ist die Kremation aus praktischen, finanziellen und auch philosophischen Gründen für viele Menschen eine selbstverständliche Wahl. Sie ermöglicht eine größere Flexibilität bei der Gestaltung der Trauerfeier und der finalen Ruhestätte – ob in einer Urne auf dem Friedhof, in einem Columbarium oder in der Natur.
Der rechtliche und ethische Rahmen: Würde bis zum letzten Schritt
In Deutschland ist jeder Schritt einer Bestattung, und somit auch der Kremation, im Bestattungsgesetz der jeweiligen Bundesländer streng geregelt. Diese Gesetze haben einen zentralen Grundsatz: die unantastbare Würde des Verstorbenen. Dieser ethische Kompass leitet alle Handlungen – vom Abschied im Abschiedsraum bis zur Übergabe der Asche.
- Die zweite Leichenschau: Vor jeder Kremation muss ein Amtsarzt oder ein bestellter Arzt eine zweite Leichenschau durchführen. Dabei wird die Todesursache überprüft und ausgeschlossen, dass es sich um einen nicht-natürlichen Tod handelt, der eine Obduktion erforderlich machen würde. Erst nach der Freigabe durch diesen Arzt darf die Kremation durchgeführt werden.
- Die Identitätssicherung: Der Verstorbene erhält eine feuerfeste Legeschilde mit einer individuellen Nummer. Diese Nummer begleitet den Sarg und später die Aschekapsel durch den gesamten Prozess und garantiert eine lückenlose Identifikation.
- Die Wahl des Sarges: Auch für die Feuerbestattung ist ein Sarg vorgeschrieben. Er muss aus brennbaren Materialien bestehen und dient nicht nur dem Transport, sondern auch dem respektvollen Umgang. In vielen Krematorien wird der Sarg vor dem Ofen im Rahmen einer stillen Andacht oder durch ein letztes Läuten einer Glocke verabschiedet.
Der technische Ablauf in einem modernen Krematorium
Moderne Krematorien sind hochtechnisierte Anlagen, die nach strengsten Umwelt- und Sicherheitsstandards betrieben werden. Der Prozess ist kein “Verbrennen” im herkömmlichen Sinne, sondern eine pyrolytische Vergasung bei Temperaturen zwischen 800 und 1.200 Grad Celsius.
- Der Ofen: Der Sarg wird auf eine feuerfeste Transportplatte (Einfahrwagen) gestellt und automatisch in die vorgeheizte Brennkammer eingefahren. Die Türen schließen sich. Moderne Anlagen sind so konstruiert, dass von außen keine Flammen oder Prozesse sichtbar sind.
- Der Kremationsvorgang: Durch die enorme Hitze entstehen im Sarg und Körper Gase, die in einer nachgeschalteten Nachbrennkammer bei noch höheren Temperaturen (oft über 1.000°C) vollständig oxidiert werden. Dies dient zwei Zwecken: der geruchslosen und emissionsarmen Verbrennung und der vollständigen Zersetzung organischer Verbindungen. Moderne Filteranlagen (Elektrofilter, Aktivkohle) reinigen die Abgase anschließend gründlich.
- Die “Asche”: Was nach etwa 60 bis 90 Minuten im Ofen und weiteren Stunden Abkühlzeit zurückbleibt, sind keine Aschereste im herkömmlichen Sinne, sondern knöcherne Substanz – vor allem Kalziumphosphat, das weißlich-grau ist. Diese wird von metallischen Rückständen (z.B. von Sargbeschlägen oder medizinischen Implantaten) befreit, die fachgerecht recycelt werden.
- Das Verlesen: Die knöchernen Rückstände werden in einer speziellen Mühle, einem “Cremulator”, zu einem gleichmäßig feinen Granulat verarbeitet. Dieses Granulat füllt man schließlich in die Aschekapsel, eine meist metallene Urne. Die zuvor verwendete Legeschilde wird mit in die Kapsel gegeben.
- Die Überführung: Die versiegelte Aschekapsel wird in eine dekorative Überurne aus Holz, Keramik oder Metall eingesetzt. Diese Urne wird dann den Angehörigen zur Beisetzung übergeben oder, falls gewünscht, direkt auf dem Friedhof des Krematoriums beigesetzt.
Die Umweltbilanz: Ein komplexes Bild
Die Diskussion um die Umweltfreundlichkeit von Erd- versus Feuerbestattung ist vielschichtig. Eine Kremation verbraucht Energie (etwa so viel wie eine 500 km lange Autofahrt) und setzt CO₂ sowie Feinstaub frei. Moderne Filter reduzieren Schadstoffe jedoch um über 99%. Die Friedhofsbeisetzung einer Urne benötigt deutlich weniger Fläche und verursacht kein Sickerwasser, das mit Verwesungsstoffen belastet ist. Alternative Methoden wie die Resomation ( alkalische Hydrolyse) oder Promession ( Gefriertrocknung) sind in Deutschland derzeit noch nicht zugelassen, werden aber diskutiert.
Der menschliche Aspekt: Abschied und Trauer
Trotz aller Technik steht der Mensch im Mittelpunkt. Viele Krematorien in Deutschland verfügen über stille Abschiedsräume, in denen Angehörige noch einmal ungestört Abschied nehmen können, bevor die Kremation stattfindet. Die Trauerfeier kann entweder vor dem Ofen, in einer separaten Kapelle des Krematoriums oder auch Wochen vorher in der Heimatgemeinde stattfinden. Die Urne wird dann zur Kremation mitgebracht.
Die Anonymität der Maschine gibt es nicht: Jeder Verstorbene wird einzeln kremiert. Die Mitarbeiter in Krematorien sind für ihre Aufgabe speziell geschult und wissen um die Sensibilität ihres Handelns. Ihr Beruf ist ein Dienst an den Lebenden und den Toten.
Fazit: Eine würdevolle und sichere Transformation
Die Kremation in Deutschland ist kein “schrecklicher” oder geheimnisvoller Vorgang, sondern ein transparenter, gesetzlich klar geregelter und mit größtem Respekt durchgeführter Prozess. Sie verwandelt den physischen Körper durch Feuer in seine mineralischen Bestandteile und ermöglicht so eine andere Form des Gedenkens. Die hohen technischen Standards gewährleisten Sicherheit und Umweltschutz, während der strenge rechtliche Rahmen die Würde des Verstorbenen von der ersten bis zur letzten Minute schützt.
Diese Prozedur ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels hin zu einer persönlicheren, oft pragmatischeren Trauerkultur. Sie entbindet die Hinterbliebenen nicht von ihrem Schmerz, aber sie bietet einen sicheren und würdevollen Rahmen für den letzten physischen Abschied.



